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Theater

Vergessen – für eine Weile zumindest

Doris SticklerVergnügt balancieren die Darsteller rot-blaue Schaumstoffmatten auf ihren Köpfen. Doch die Last wird schwerer, drückt die Menschen zu Boden.

FRANKFURT. Zeit zu haben, ist ein Luxus. Auch beim Einstudieren von Theaterstücken. Und genau dies hatte das Ensemble der Interkulturellen Werkstatt in Frankfurt. So konnte jeder einzelne Darsteller eigene Erlebnisse und Erfahrungen in das Stück mit einbringen. Ob Flüchtling oder Einheimischer.

Graziös tänzelnd, bisweilen drehend oder rhythmisch den Körper wiegend, betreten Frauen und Männer nacheinander den Kirchenraum. Mit bedächtigen, dann immer hastigeren Schritten durchschreiten sie kreuzförmig die mit Bänken abgegrenzte Manege. Auf ihren Häuptern balancieren sie dabei rot-blaue Schaumstoffquadrate – zunächst vergnügt, doch bald ächzend unter der Last.

Farben des Lebens – Wir sind die Welt von Jetzt

Irgendwann folgt der Befreiungsschlag. Sie schleudern mit Freude die Platten weit in die Luft, um deren puzzleartig ausgestanzten Ränder am Ende zu einer Fläche zusammenzufügen. Ein Akt, der dem Projekt der Interkulturellen Werkstatt (IKW) im wahrsten Sinne des Wortes den Boden bereitet. Unter dem Titel »Farben des Lebens – Wir sind die Welt von Jetzt« stellte die IKW mit dem Netzwerk »ÜberBrücken« eine multidisziplinäre Performancerevue auf die Beine, die nicht nur die Grenzen zwischen den Genres niederreißt. So bunt wie die Mischung aus Körpertheater, Tanz, Akrobatik, Stelzenkunst, Video und Musik ist auch das Ensemble.

Erfahrungen einbringen

Wie in den vergangenen Jahren wirken Einheimische und Geflüchtete an einer Inszenierung mit, in der sie ihre unterschiedlichen Erfahrungen und ihre jenseits von Alter, Nationalität und Religion liegenden Gemeinsamkeiten gleichermaßen zum Ausdruck bringen. Wie schon der Titel verrät, zeigt »Farben des Lebens«, dass Vielfalt bereichert.

Interkulturelles Projekt

Der Choreograph Frank Händeler und die Videokünstlerin Simone Wedel legten bei dem Stück entsprechend großen Wert auf Teamarbeit. Die beiden Initiatoren von »ÜberBrücken«, einem bundesweit agierenden »kollektiven Netzwerk für kulturelle und sozial-kulturelle Projekte«, entwickelten alle Szenen mit den mehr als 30 Akteuren.

Miterleben ist besser als zuschauen

Jeder habe etwas eingebracht und das Geschehen mitgeprägt, sagt Frank Händeler. Die Inszenierung sei das Ergebnis eines Prozesses, der von einem glücklichen Umstand begleitet war: »Wir hatten den Luxus von Zeit und Raum«. Zur Freude des Tanz-Theaterpädagoge konnten sich alle über Monate hinweg »in langen Gesprächsrunden kennen lernen und Vertrauen schöpfen«. Außerdem habe sich die hallenartige Dietrich-Bonhoeffer-Kirche als »optimaler Ort für das dramaturgische Konzept« entpuppt. Das beziehe auch das Publikum mit ein, denn: »Miterleben ist besser als nur zuzuschauen.«

Schockierende Nachrichten

Dass aus der zufälligen Begegnung mit der IKW-Vorsitzenden Christa Hengsbach während einer Theaterpädagogen-Tagung ein multidisziplinäres Projekt resultierte, schätzt Frank Händeler sehr. Nicht zuletzt, weil ihn die Arbeit auch persönlich vor »ungeheure Herausforderungen« stellt. »Am meisten hat mich schockiert, wie viele der Beteiligten Angehörige und Bekannte hatten, die erschossen worden sind.«

Furchtbare Erlebnisse

In dieser Hinsicht ergeht es Gabi Buchholz ähnlich. Die Sekretärin der Hoffnungsgemeinde engagiert sich seit 2013 für Geflüchtete und weiß, dass »sie in ihren Köpfen furchtbare Erlebnisse mit sich schleppen«. Umso mehr begrüßt sie den Effekt des Theaterprojekts. »Nach den Proben gehen die Leute raus und sagen, jetzt habe ich eine Weile alles vergessen.«

Spaß ist im Alltag von Geflüchteten selten

Bereits zum zweiten Mal dabei, ist Gabi Buchholz im Hintergrund aktiv. Für die jüngste Produktion hat sie an ihrem Wohnort Enkheim in der Sammelunterkunft 15 mehrheitlich aus Syrien stammende Frauen und Männer zum Mitmachen motiviert. Mit ihnen hält die 56-Jährige via Whatsapp und Facebook ständig Verbindung. Die Arbeit an der Inszenierung sei ein »tolles Miteinander, das von Vertrauen getragen wird«. Da Mimik, Gestik, Bewegung und Musik im Vordergrund stehen und auf Worte weitgehend verzichtet werde, finde jeder seinen Part. Wenn Gabi Buchholz bescheinigt: »Es macht allen einen riesen Spaß«, ist das auch für Außenstehende nicht zu übersehen. Selbst wenn Händeler eine Szene zum fünften Mal wiederholt, sind alle unvermindert dabei. Manche der Mitwirkenden sprechen mit ihren Körpern und Bewegungen derart überzeugend, dass man sie für Profis halten könnte. Die erworbenen künstlerischen und sozialen Kompetenzen besitzen nach Erfahrung des Choreographen eine nachhaltige Wirkung. »Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können ihrer Lebenswelt mit mehr Selbstbewusstsein begegnen.« So nimmt Amir nicht ohne Grund den weiten Anfahrtsweg in Kauf. Der 16-jährige Afghane reist aus einer Unterkunft für unbegleitete Flüchtlinge in der Nähe von Wiesbaden an, um sich ausleben zu können und um auf andere Gedanken zu kommen. Derlei Motive spielen bei allen eine ausschlaggebende Rolle. Vergnügliche Unternehmungen sind im Alltag von Geflüchteten rar gesät.

Austausch zwischen den Kulturen

Ihnen die Möglichkeit zu bieten, Interessen, Wünsche, Zukunftsvorstellungen und auch Ängste zu formulieren, ist nur eine Intention der IKW. »Wir wollen mit den Theaterprojekten den Austausch zwischen den Kulturen, das friedliche Zusammenleben und das gegenseitige Kennenlernen fördern«, fasst Christa Hengsbach das Anliegen des Vereins zusammen.

Riesenpuppe gebastelt

Wie im vergangenen Jahr organisierte die mit der Gesamtleitung betraute Theaterpädagogin im Vorfeld wieder einen Kunstworkshop, in dem die Kulissen für »Farben des Lebens« gefertigt wurden. Unter anderem schufen die Teilnehmenden eine Riesenpuppe, die ihren Auftritt in einer Szene mit überdimensionaler Regenbogenflagge hat.

Engagement in der Flüchtlingshilfe

Zudem kam der Produktion zugute, dass Hengsbach an der University of Applied Sciences, Soziale Arbeit, unterrichtet. Die Moderatorin für Biografiearbeit ließ Studierende zwei Probentage mit Methoden der Biografiearbeit und des Szenischen Spiels gestalten. Wie ihr rückgemeldet wurde, blieb der praxisnahe Einsatz nicht folgenlos. Einige der angehenden Sozialarbeiter wollen sich weiterhin in der Flüchtlingshilfe engagieren. Von Doris Stickler

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