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Gegenwartskunst

Kunst trifft auf Realität

epd/Andreas FischerDer Künstler G. Galindo hat ‧seine Installation aus Wracks von Flüchtlingsbooten gebaut, die von der griechischen Küste stammen.

KASSEL. Unterdrückung, Krieg, Flucht: Die weltweit bedeutendste Schau für Gegenwartskunst, die documenta 14, ist nichts für Ästheten und Flaneure. Auch die beiden kirchlichen Begleitausstellungen atmen den Geist einer Welt in Aufruhr und Düsternis.

Die Bedrohung lauert bereits am Kulturbahnhof. Dort geht es auf dem Vorplatz durch eine Art Containerschleuse in einen stillgelegten Straßenbahntunnel. Im Untergrund geben fünf Künstler einen Vorgeschmack auf die Themen der diesjährigen Weltkunstschau am Standort Kassel – Herrschaft, Unterdrückung, Anderssein, Gewalt, Zensur. Die wilde und teils brutale Multi-Video-Installation des französischen Filmemachers Michael Auder und die atemberaubende Fluchtgeschichte des Inders Nikhil Chopra belegen dies auf drastische Weise.

Weg führt mitten durch globalisierten Alltag

Der deutsche Teil der documenta 14 läuft an 36 Orten, 160 weitgehend unbekannte Künstler zeigen ihre Werke. Der künstlerische Leiter der Schau, der Pole Adam Szymczk, hat für Kassel einen Parcours vorgegeben, der die Achse früherer Ausstellungen um 90 Grad verschiebt. Als wichtigster Standort gilt das vor 40 Jahren im brutalistischen Betonstil gebaute ehemalige Briefverteilzentrum in der neuen Hauptpost in der Nordstadt, die von der documenta zur »Neuen Neuen Galerie« umbenannt wurde. Der Weg dorthin führt mitten durch den globalisierten Alltag, vorbei an Döner-Läden, Spielhallen sowie dem Tagestreff der Trinker- und Drogenszene.

Postkolonianismusund kulturelle Klischees

In der Gießbergstraße 22 ist die d14 ganz bei sich. 17 Künstler aus 13 Ländern stellen in den riesigen Hallen aus. Darunter die Palästinenserin Ahlam Shibli. Sie ist für eine Weile nach Kassel gezogen, um das Leben zweier Immigrantengruppen zu studieren, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Industriestadt kamen: Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten und Gastarbeiter aus Südeuropa und Nordafrika. Im Erdgeschoss dominiert die Bild-Sound-Video-Arbeit von Theo Eshtu. Der 1958 in London als Sohn einer Niederländerin und eines Äthiopiers geborene Künstler überblendet Werbeplakate des Ethnologischen Museums in Berlin mit gigantischen Porträts, ihm geht es um Postkolonianismus und kulturelle Klischees.

Geschichte eine Kettevon Gewalt und Krieg

Nur einen Steinwurf entfernt hat der Spanier Daniel Garcia Andujar sein »Trojanisches Pferd« aufgebaut, das mit antiken und modernen Skulpturen, aber auch mit Zeichnungen und Fotografien daran erinnert, dass die Menschheitsgeschichte eine Kette von Gewalt und Krieg ist, ein »Desaster of Wars«, wie Andujar seine Installation nennt. Äußerst verstörend mutet daneben ein Vorhang von 300 Rentierschädeln samt Einschusslöchern an, mit dem die norwegische Künstlerin aus der Sami-Minderheit, Maret Anne Sara, auf die Unterdrückung ihrer Volksgruppe hinweisen will. Kunst trifft auf Realität – dieser Ansatz ist prägend für die documenta in der Nordstadt, denn in dem ehemaligen Postkomplex sind nicht nur Künstlerstatements aus aller Welt zum Skandal der Migration versammelt. Im zweiten Obergeschoss des Gebäudes berät das Hessische Diakoniezentrum Hephata auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Von Dieter Schneberger/epd

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