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Emil Nolde

Fromme Skandalbilder

Städel Museum – ARTOTHEK (© Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde)Eva, so wie Emil Nolde sie sich vorstellte (1910, Öl auf Leinwand, ‧Städel Museum, Frankfurt am Main).

Keiner hat so unheimlich leuchtende Meeresstrände unter dräuendem Sturmhimmel gemalt, keiner die einsame Marschlandschaft so suggestiv wiedergegeben. Emil Noldes religiöse Bilder atmen Emotion und zugleich respektvolle Distanz. Vor 150 Jahren wurde er geboren.

Eigentlich hieß er Hans Emil Hansen, der am 7. August 1867 im dänischen (damals deutschen) Örtchen Nolde bei Buhrkall geborene Bauernsohn. Er machte eine Lehre als Schnitzer und Möbelzeichner, bildete sich in Abendkursen an einer Kunstgewerbeschule weiter. Er begann Aquarelle zu malen, Berglandschaften zu zeichnen.

Gemalt wie ein Besessener

Die Münchner Akademie wollte ihn nicht haben, aber der 21-Jährige ließ sich nicht entmutigen, besuchte Malschulen, ließ sich in Berlin nieder, trat der dortigen »Secession« bei, schloss sich 1906 der »Brücke« an. Seine Farben wurden expressiver, sein Malstil flächiger, konzentrierter, ausgesprochen formbetont. Wie ein Besessener muss er gemalt haben, allein 1915 entstanden 88 Bilder.

Die Kirche protestiert

Ausstellungserfolge verbuchte der Künstler auch in Hamburg, Essen, Hagen – sicher auch, weil er außer seinen friesischen Landschaftsbildern jetzt Szenen aus dem Berliner Nachtleben lieferte. Und erste Bilder mit religiösen Sujets: Abendmahl. Pfingsten. Verspottung. Was zu Konflikten führte: Noldes neunteilige Bilderfolge »Das Leben Christi« wurde auf der Brüsseler »Ausstellung für religiöse Kunst« nach kirchlichen Protesten zurückgewiesen.

Maler folgt »Verlangen nach Klarheit und Wahrheit«

Noldes Problem war, dass er ein tiefes religiöses Empfinden besaß, aber wenig mit den traditionellen Symbolen und Mal-Chiffren anfangen konnte. »Gefragt habe ich selbstredend niemand, wie religiöse Bilder aussehen müssen«, bekannte Nolde, »einem Verlangen nach Klarheit und Wahrheit war ich gefolgt.« Nolde versuchte, sich in das biblische Zeit- und Lokalkolorit einzufühlen, unbefangen malte er die in der Bibel genannten »Weiber« als Schlampen aus den Berliner Kaschemmen.

Fantasie aus Kindertagen auf die Leinwand gebracht

»Biblische und Legendenbilder« nannte Nolde selbst diese fünf Dutzend religiösen Bilder, in denen er den Höhepunkt seines Schaffens sah. Und den Niederschlag seiner inneren Entwicklung: »Die Vorstellungen des Knaben von einst, als ich während der langen Winterabende tief ergriffen in der Bibel lesend saß, wurden wieder wach. Es waren Bilder, die ich las, reichste orientalische Phantastik. Sie wirbelten in meiner Vorstellung immerzu vor mir hoch, bis lange, lange danach der nun erwachsene Mensch und Künstler sie, wie in traumhafter Eingebung, malte und malte.«

Verzweiflung und zärtliche Zuneigung

In der Tat hatte Emil Nolde schon als Kind sämtliche Bilder in seiner Schulbibel übermalt und damals schon »in Farbenglück« gelebt. Ihm selbst war seine »Grablegung« (1915) besonders wichtig. Beherrschend ein helles Silberblau im Kontrast zu einem morbiden Gelb. Nikodemus und Joseph von Arimathia, Anhänger Jesu aus dem Hohen Rat, legen den todesstarren Körper ihres Freundes in die Gruft, umklammern die widerborstigen Gebeine wie in einem Gewaltakt, während ihre Gesichter Verzweiflung und zärtliche Zuneigung widerspiegeln. Das Antlitz des toten Gekreuzigten, mit tiefen Schatten unter den geschlossenen Augen: Ruhe, Hingabe, ein Schmerz, der noch nicht vorüber zu sein scheint.

Naiv und plumpe Formen

Auf dem Gemälde »Verlorenes Paradies« sitzen Adam und Eva mit erschrocken aufgerissenen Augen vor dem Baum des Lebens, irgendwie mitleidig von der triumphierenden Schlange betrachtet. Das alles naiv und in plumpen Formen gemalt.

»Produkt eines Schwerkranke«

Bizarr, fragwürdig, uneinheitlich« nannten empörte Zeitgenossen Noldes Umgang mit Bibel und Glaubenstradition, »das Produkt eines Schwerkranken«, »Hexenspuk«, gemalt von einem »psychopathischen Schmierfinken«. Da überrascht es, dass nationalsozialistische Kreise um Goebbels, Baldur von Schirach und den späteren Kulturminister Bernhard Rust die farbenfrohen Bilder schätzten und drauf und dran waren, den Expressionismus zur »nordischen« Staatskunst zu verklären.

Hetze gegen »alljüdische Bevormundung«

Der mittlerweile ins nordfriesische Seebüll gezogene Maler ließ keine Gelegenheit aus, sich zur braunen Heilslehre zu bekennen und Hitler als »genialen Tatenmenschen« zu preisen, »groß und edel in seinen Bestrebungen«. All die Jahre zog Nolde gegen die »Überfremdung« der deutschen Kunst und die »alljüdische Bevormundung« des kulturellen Lebens zu Felde.

Religiöse Bilder der Lächerlichkeit preisgegeben

Strategisch geschickte Anbiederung oder echte Überzeugung? Schwer zu sagen. Denn obwohl Adolf Hitler Goebbels wegen seiner Bewunderung für diese »unmöglichen« Bilder zusammenstauchte und 1937 exakt 1052 Werke Noldes aus den Museen und Galerien verschwanden, obwohl die berüchtigte Ausstellung »Entartete Kunst« vor allem seine religiösen Gemälde der Lächerlichkeit preisgab und die Reichskammer der Bildenden Künste dem 74-Jährigen ein hochoffizielles Malverbot erteilte: In seiner glühenden Begeisterung für die »große deutsche nationalsozialistische Sache« wurde er niemals wankend.

Zum Opfer stilisiert

Nach dem Krieg schrieb er seine Autobiografie um, stilisierte sich zum verfolgten Opfer der Naziherrschaft und hatte damit lange Erfolg: 1952 durfte er seine Berufung in die Friedensklasse des Ordens »Pour le Mérite« erleben. Vier Jahre später starb er 88-jährig in Seebüll.

Von Christian Feldmann

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