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Unrecht

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epdWoody Allen mit Diane Keaton, die in dem Film »Stadtneurotiker« aus dem Jahr 1977 seine protestantische Freundin vom Land spielt. Er selber verkörpert einen New Yorker Juden mit jeder Menge Neurosen und einer großen Portion Humor. Sie war zu der Zeit auch in der Realität seine Lebensgefährtin. Für diesen Film erhielt Keaton übrigens den Oscar als beste Schauspielerin.

epdMatthias Braun ist Pfarrer in Alzey.

Antisemitismus ist ein Thema – auch in Deutschland, immer noch. Ein strittiges dazu. Das zeigte zum Beispiel mal wieder die Kontroverse, ob ARD und Arte die WDR-Dokumentation »Der Hass auf Juden in Europa« nun ausstrahlen oder nicht. Nach langen Querelen waren die Verantwortlichen dazu bereit – mit anschließender Diskussionsrunde. Das erste Mal begegnete mir Antisemitismus in der Schule in einem dummen Streich. Ein Mitschüler hatte seinem Vordermann einen Judenstern aus Papier auf den Rücken geklebt. Ich erinnere mich, wie unser Lehrer damals getobt hat. Mittlerweile kann ich mir das erklären. Er handelte im Sinne eines »Wehret den Anfängen!«. Die heftige Kritik hat gewirkt: Ähnliches ist nicht mehr passiert.

Seitdem fühle ich mich verpflichtet, jeglichem Antisemitismus entgegenzutreten, wenn jemandem etwas angeklebt wird, jemand ausgegrenzt wird.

Die nächste Begegnung war dann in einem Film. Ich habe Woody Allens »Stadtneurotiker« aus dem Jahr 1977 geschaut. Der Jude Woody Allen ist Alvy Singer, ein berühmter amerikanischer Komiker, Jude und New Yorker, der seine Neurosen pflegt, zur Psychoanalyse geht und mit wunderbarem Humor ausgestattet ist. Er stellt sich sozusagen selbst dar. In einer Szene erzählt er: »Ich habe neulich einen Freund etwas gefragt und er hat geantwortet ›is jut!‹.« Allen spielt hier mit dem Gleichklang des Wortes Jude und dem berlinerischen »gut«. Und er sagt im Film zu seinem Freund: »Ich merke doch, was er andeutet: dass ich Jude bin!«

Ich habe damals herzlich über diese Szene gelacht. Und sie als ein Zeichen für jüdische Versöhnungsbereitschaft gewertet. Die Selbstironie Allens zeigte mir einen Ausweg auf: Verzeihe, was passiert ist, und überspitze es in einem Witz. Du kannst vergangene Verbrechen nicht aufheben. Sie lassen sich nicht ungeschehen machen. Aber lerne aus ihnen und mach es besser!

An dieser Stelle ähneln sich »Der Stadtneurotiker« und die biblische Josefsgeschichte (1. Mose 50,15-21). Josef lässt die Vergangenheit ruhen. Seine Brüder haben ihn nach Ägypten verkauft und für tot erklärt – aus Neid, weil der Vater ihn am liebsten mochte. Als die Brüder sich wiedersehen, bereuen sie, was sie getan haben. Josef verzeiht ihnen und sagt: Gott hat alles so geschehen lassen, damit ich euch vor der Hungersnot in Israel rette. Denn in Ägypten gibt es viel Korn.

Josef will mit seinen Brüdern gemeinsam in die Zukunft gehen. Mit alter Schuld, aber ohne ihnen bleibend Vorwürfe zu machen. Für mich persönlich hat Woody Allen mit seinem 40 Jahre alten Film diese Möglichkeit eröffnet. Freier von der Schuld der Großelterngeneration. Nicht frei!

Das bedeutet Wachsamkeit und Achtsamkeit in der Gegenwart. Und diese Eigenschaften sind wichtig, denn: Ertragen Sie Fragen?

Denken Sie auch, dass das Neue Testament besser ist als das Alte? Sagen Sie manchmal: Ich habe nichts gegen Fremde, aber …? Betonen Sie im Gespräch, welche Religion einer hat? Stimmen Sie Meinungen zu, die sagen, dass Deutschland einen Schuldkomplex hat? Sehen Sie es so: 70 Jahre Aufarbeitung sind genug? Denken Sie jetzt auch darüber nach?

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