Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Alle Nachrichten

Parteiprogramm lesen

Als Christ die AfD unterstützen?

epd-bild/Guido SchnelleEin breites Bündnis, an dem sich die evangelische und die katholische Kirche beteiligt haben, demonstriert am 22. April gegen den Parteitag der AfD in Köln.

Als Geburtstag der Kirche feiern wir jedes Jahr zu Pfingsten, dass die ersten Christen vor einer Menschenmenge von nicht weniger als 17 verschiedenen Völkern und Sprachgruppen predigten. Siebzehn. Nachzuzählen in Apostelgeschichte 2, Verse 9 bis 11. 3000 Menschen ließen sich taufen. Also war die christliche Gemeinde vom ersten Tag an ein multikultureller Haufen. Und verbreitete sich im römischen Weltreich durch Flüchtlinge.

 lesenDarf man als Christ die AfD wählen? Nein, ich maße mir nicht an, jemanden vorzuschreiben, was ein Christ darf oder nicht. Ich prüfe das Parteiprogramm der AfD auch nicht auf Bibelfestigkeit, bitte niemanden zum Gläubigkeitstest und spreche AfD-Wählern nicht das Christsein ab. Ich lese nur im Parteiprogramm der AfD: »Die Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert, betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit. Ihr gegenüber müssen der Staat und die Zivilgesellschaft die deutsche Identität als Leitkultur selbstbewusst verteidigen.«

Mosaik aus lauter kleinen multikulturellen Parallelgesellschaften

Da fällt mir jene »importierte kulturelle Strömung« ein, der ich selbst angehöre: das Christentum. Es hat die Werte der heidnischen Germanen »zutiefst relativiert«, fragen Sie mal den Bonifatius aus Fulda. Wenn ich dann noch auf Bahnhöfen, bei Open Air Festivals oder in Straßencafés die Vorbeieilenden betrachte, merke ich schon an ihrer Kleidung: Auch ohne einen einzigen Ausländer oder Flüchtling sind »wir Deutschen« längst ein Mosaik aus lauter kleinen multikulturellen Parallelgesellschaften.
Unsere Lebenswelten, unsere Alltagskultur, unsere Rituale und »Stammesabzeichen« unterscheiden sich eklatant voneinander. Mir schwant: Die AfD meint gar nicht nur Ausländer. Sie meint uns. Uns alle, die bisher das Recht auf freie Wahl ihrer Gewohnheiten, Geschmäcker und Lebensstile in Anspruch nahmen.

Was Rechtsextreme und Salafisten gemeinsam haben

Jens Jessen schreibt in der »Zeit«: »Der Multikulturalismus – man mag ihn mögen oder nicht – ist gerade keine ›Ideologie‹, sondern Realität. Indem man ihn aber zu etwas erklärt, was sich auch verwerfen ließe, gibt man zu verstehen, dass auch die Realität gegebenenfalls verworfen werden kann oder muss. Die Brutalität, die dazu nötig wäre, muss man sich ausmalen, um von der Trockenheit der Texte nicht getäuscht zu werden.«
Haben christliche Nationalkonservative und muslimische Salafisten was gemeinsam? Ja: Beide wünschen, der Staat möge doch diese buntscheckige Bevölkerung wieder nach Rasse, Religion und Herkunftsfamilie trennen; die einen fördern und die andern benachteiligen.

»Wie hältst Du's mit der Demokratie?«

Ja, der Islam beansprucht theoretisch einen Gottesstaat, ist vom Wortlaut des Koran her im Vergleich zum Christentum sowohl vor-reformatorisch als auch vor-aufklärerisch. Die politische Gretchenfrage an Muslime – »Wie hältst Du's mit der Demokratie?« – beantworten jene Tausende Muslime tragisch, die im Kampf für einen demokratiefähigen Islam ihr Leben riskieren. Sie wird praktisch beantwortet von jenen 4,5 Millionen deutschen Muslimen, die hier gesetzestreu leben, Steuern zahlen und sich ehrenamtlich, zivilgesellschaftlich oder kommunalpolitisch engagieren. Jedem braven Gebrauchtwagen-Schrauber zu unterstellen, er träume vom Dschihad, ist böswillig.
Die theologische Gretchenfrage an Muslime – »Welche Suren des Koran sind für Dich verbindliche Handlungsanweisung und welche nicht?« – stellen 33 Millionen Konfessionslose aber auch an uns Christen in Bezug auf die Bibel. In der steht zum Beispiel: »Wohl dem, der deine Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!« (Psalm 137,9) Kein Mensch von Verstand verdächtigt uns, das irgendwann tun zu wollen.
Wenn nun ausgerechnet ein evangelikales Islamhasser-Portal und seine innerkirchlichen AfD-Stimmenbeschaffer von Muslimen jene »historisch-kritische, aufgeklärte« Koran-Interpretation verlangen, die sie für sich selbst kämpferisch ablehnen (»Bibeltreue!«, »Widerspruchsfrei und irrtumslos Heilige Schrift!«) –, dann ist das heuchlerisch, finde ich. Und wenn die Polizei das täte, was das AfD-Programm von ihr verlangt – »Koranschulen schließen!« –, dann wüsste ich nicht, womit man muslimische Teenager erfolgreicher radikalisieren könnte.
Als am 5. September 2015 nachts um 4.00 Uhr Österreichs Bundeskanzler Werner Feymann halb verzweifelt Angela Merkel anruft, weil am Grenzübergang Nickelsdorf Chaos ausbricht, entscheiden beide: keine Wasserwerfer, keine Gummigeschosse. Nicht gegen Menschen, die bis hierhin mehrmals ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Darf man aus Humanität geltendes Recht brechen?

Ja, das war die kurzzeitige Nichtanwendung geltenden Rechts. Aus humanitären Gründen in einer extremen Notsituation. Dasselbe hatten Soldaten der Roten Armee, der NVA und der DDR-Werksbrigaden am 9. Oktober 1989 in Leipzig und am 9. November 1989 in Berlin auch gemacht: auf Grenzverletzer nicht zu schießen.
Dass ausgerechnet diejenigen Frommen, die Gott dafür dankten, dass damals kein Blut geflossen ist, nunmehr genau das in Kauf nehmen möchten, finde ich niederträchtig. Wenn wir 950 000 Flüchtlinge, also 1,2 Prozent (!) des 82-Millionen-Volkes, jahrelang nicht halbwegs gesetzeskonform verwaltet bekommen, dann haben wir keine Flüchtlings-, sondern eine Bürokratie-Krise.

Nicht Flüchtlinge rauben dem Fiskus die Milliarden, sondern Steuerflüchtlinge

Und wenn von meinem Steuergeld Kriegs- und Terroropfern die Ausbildung bezahlt wird, ist mir das lieber, als wenn es insolventen Börsenzockern deutscher Banken überwiesen wurde, wie 2008 geschehen. Nicht Flüchtlinge rauben dem Fiskus die Milliarden, sondern Steuerflüchtlinge. Nachzulesen in den Panama-Papers.
Die AfD will im Wahlkampf »Social Bots« einsetzen, hat Alice Weidel, eine ihrer Vorsitzenden, angekündigt. Social Bots sind Algorithmus gesteuerte, millionenfach gleichlautende Facebook- und Twitter-Kommentare. Dadurch bekommen die christlich Konservativen die vielerorts guten Nachrichten gelungener Integration wohl gar nicht mehr.
Schade. Denn konservativ sein heißt doch bewahren. Und sich ein Gespür dafür bewahren, wann Lieblosigkeit Notwendigkeit genannt wird, wann Generalverdacht, Missgunst, Rassismus und Hass tolerabel oder gar normal werden, das erwarte ich schon von Christen in der Tradition des Verständigungswunders beim ersten multikulturellen Geburtstag der Kirche. Damals an Pfingsten. Von Andreas Malessa

Andreas Malessa: »Als Christ die AfD unterstützen? Ein Plädoyer für ...«; Brendow Verlag 2017; 112 Seiten; 9 Euro.

Diese Seite:Download PDFDrucken

Ihre Ansprechpartnerin

Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
E-Mail

to top