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Das Kapital

Marx wollte soziale Teilhabe

epd/Agenzia Romano SicilianiReinhard Kardinal Marx erinnert an das Werk seines Namensvetters Karl Marx.

Im Jahr 1867 veröffentlichte Karl Marx den ersten Band seiner Kapitalismuskritik »Das Kapital«. 150 Jahre später würdigt sein Namenvetter Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising sowie Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, die Schrift.

Wikimedia/CC BY-SA 3.0 Sir James;Die Gedenktafel in Leipzig mit dem Konterfei von Karl Marx erinnert an die Erstausgabe des Kapitals.

Der gemeinsame Nachname bringt es mit sich, dass ich schon immer auf Karl Marx angesprochen worden bin. Das nahm noch zu, als ich Professor für Christliche Sozialethik in Paderborn wurde und vor allem als ich 1996 zum Bischof von Trier ernannt wurde, also Marx' Geburtsstadt. Ich selbst habe mich auch nicht vor dieser Namensgleichheit gescheut und bin 2008 dem Vorschlag des Verlags gefolgt, ein Buch über die Katholische Soziallehre unter dem Titel »Das Kapital« zu schreiben.

Marx war ein scharfer Gegner der Religion

Dennoch war und ist es nicht ohne Fallstricke, sich als Mann der Kirche zu Karl Marx zu äußern. Denn Marx war ein scharfer Gegner der Religion – für ihn »allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund« der bürgerlich-kapitalistischen Welt und »das Opium des Volks«. Vor allem deshalb war die sozialistische beziehungsweise kommunistische Bewegung von Anfang an streng atheistisch und antiklerikal orientiert. Die christliche Sozialbewegung wiederum war in Reaktion darauf von Anfang an genauso strikt antisozialistisch und antikommunistisch.

Konflikte waren nicht harmlos

Das alles sind nicht nur theoretische Gegensätze geblieben, sondern daraus sind vor allem im 20. Jahrhundert handfeste politische Konflikte geworden. Und diese sind leider keineswegs immer so harmlos geblieben wie jene zwischen Don Camillo und Peppone, den von Giovannino Guareschi erdachten liebenswürdigen Figuren des katholischen Pfarrers und des kommunistischen Bürgermeisters in dem fiktiven italienischen Dorf Boscaccio der Nachkriegszeit.

Blick nicht auf Gegensätze verengen

Die Last dieser historischen Hypothek im Verhältnis von Marxismus und Christentum will ich nicht kleinreden. Jedoch dürfen wir unseren Blick nicht darauf verengen. Denn zu Recht hat Oswald von Nell-Breuning, der Nestor der katholischen Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert, einmal geschrieben: »Wir alle stehen auf den Schultern von Karl Marx.«

Viele Zeitgenossen teilten Überzeugung von Karl Marx

 Marx war kein bloßer Ideologe. Sein »Kapital« ist ein wissenschaftliches Werk auf der Höhe der seinerzeitigen sozialphilosophischen und insbesondere ökonomischen Diskurse. Seine Überzeugung, dass die epochale soziale Herausforderung seiner Zeit, die Arbeiterfrage, nicht innerhalb des kapitalistischen Systems zu lösen sein würde, war keineswegs eine abseitige Meinung, sondern wurde hinsichtlich der ökonomischen Analyse von den meisten seiner Zeitgenossen geteilt. Er konnte sich hierbei etwa auf David Ricardo berufen, den damals maßgeblichen Theoretiker der Volkswirtschaftslehre.

Legitime Forderung nach sozialer Teilhabe

Und wenn Marx die bloß formellen Freiheiten in der bürgerlichen Gesellschaft kritisierte und die Durchsetzung der reellen, sozialen Freiheiten verlangte, dann propagierte er keineswegs einen anarchistischen Umsturz, sondern äußerte den legitimen Anspruch auf das, was wir heute mit umfassender sozialer Teilhabe für alle meinen, und auch von Seiten der Kirchen einfordern. Im Gegensatz zu dem, was andere später aus seinen Ideen gemacht haben, wollte Marx selbst keineswegs hinter die Errungenschaften der Französischen Revolution zurück, sondern diese vielmehr vollenden.

Unvorhergesehene Absicherung von Lohnarbeitern

Was Karl Marx allerdings unterschätzt hat, ist die enorme Wandlungsfähigkeit des Kapitalismus. Aber vielleicht ist auch die Schärfe seiner kompromisslosen Analyse und Kritik der Katalysator gewesen, der diese Wandlungsfähigkeit erst in Gang gesetzt hat. Unter dem Damoklesschwert der drohenden kommunistischen Revolution kam es in den Industriestaaten jedenfalls zu einer umfassenden sozialstaatlichen und arbeitsrechtlichen Absicherung der Existenz der Lohnarbeiter und ihrer Familien. »Unter diesen Verhältnissen hat sich der designierte Träger einer künftigen Revolution, das Proletariat, als Proletariat aufgelöst«, wie Jürgen Habermas einmal lapidar festgestellt hat.

Soziale Marktwirtschaft hat keine Ewigkeitsgarantie

Das war der Wandel des Kapitalismus zu einer »Sozialen Marktwirtschaft«. Die Soziale Marktwirtschaft hat aber keine Ewigkeitsgarantie, sondern ist immer noch und immer wieder von neuem herausgefordert. Auch in der Welt von heute gibt es das, was Marx mit dem Begriff der »Entfremdung« bezeichnet hat: Die Menschen errichten Strukturen, an denen sie drohen zugrunde zu gehen – etwa angesichts des Klimawandels. Gegen diese Entfremdung zu kämpfen, bleibt ein Auftrag, an den uns das Erscheinen des ersten Bandes von Marx' »Kapital« vor 150 Jahren erinnern sollte.
Von Reinhard Marx

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