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Kontakt zu Nachbarn

Leben im Quartier

Marlene BroeckersDie neuen Häuser am Fliednerplatz in Nieder-Ramstadt, in denen auch 46 Mietwohnungen untergebracht sind.

NIEDER-RAMSTADT. Dort, wo vor 118 Jahren mit der Eröffnung des Fliednerhauses die Geschichte der »Anstalt für Epileptische in Hessen«, heute Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD), begann, liegt der Fliednerplatz. Er ist umsäumt von einem großen Gebäude der NRD mit Cafeteria und öffentlichem Bewegungsbad, der NRD-Altenhilfe mit ambulanter Diakoniestation und vier neuen Wohnhäusern mit 46 Mietwohnungen. In einer davon lebt Autorin Marlene Broeckers.

Seit Januar 2016 ist mein Arbeitgeber auch mein Vermieter. Als ich vor 17 Jahren anfing, in der NRD zu arbeiten, waren noch mehrere hundert Menschen mit Behinderung in großen Wohnheimen auf dem ehemals eingezäunten Anstaltsgelände untergebracht. Über 350 stationäre Wohnplätze sind seitdem in verschiedene Städte und Gemeinden in Südhessen umgezogen, die behinderten Menschen leben nun in kleinen, familienähnlichen Strukturen mitten im Ort. Die Neubebauung des Fliednerplatzes war nach der Eröffnung der NRD-Altenhilfe 2013 der zweite Schritt zur Konversion des rund zehn Hektar großen Heimgeländes zu einem inklusiven Lebensort für Menschen mit und ohne Behinderung jeden Alters.

Drei Minuten Fußweg bis zum Arbeitsplatz

 Dort zu wohnen, erschien mir genau das Richtige, nachdem ich vorher vier Jahre in Ober-Ramstadt gewohnt hatte – in einer sehr schönen Wohnung, aber ohne jeglichen Kontakt zu den Nachbarn. »Ist das nicht zu nah an der Arbeit?«, fragten mich Freundinnen und Kollegen, als ich von meinem Entschluss erzählte. Nein, ist es nicht. Es sind zwar nur drei Minuten Fußweg zum Haus Bodelschwingh, in dem ich arbeite, doch diese führen durch einen wunderschönen Park.

Dachterrasse verbindet die Häuser

Ich wohne im kleinsten der fünf Wohnhäuser, von denen zwei zu einem langen Block verbunden sind. Von meinem Balkon im zweiten Stock des Hauses Fliednerweg 10 schaue ich geradeaus auf die Nummer 8. Beide Häuser sind im ersten Stock durch eine Dachterrasse verbunden, die von sieben Mietparteien gemeinsam genutzt wird. Vier größere Pflanzkästen sind über die Terrasse verteilt, von den Mietern ganz unterschiedlich bestückt und gepflegt.

Ein Plausch im Vorübergehen

Auf gleicher Höhe sehe ich gegenüber die Mieter über den Laubengang in ihre Wohnungen kommen und gehen oder am kleinen Gartentisch neben der Haustür sitzen. Die Nachbarn eins drüber gegenüber sehe ich, wenn sie auf dem Balkon rauchen oder grillen. Natürlich unterhalten wir uns, wenn wir uns sehen. Nicht nur übers Wetter. Raul ist mit seiner Frau Michaela und seiner Mutter Elvira am Fliednerplatz eingezogen, weil diese in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr alleine zurechtkam. Elvira ist im Dezember 2016 in ihrem neuen Zuhause gestorben.

Bewohnerfest auf der Dachterrasse

Ich fühle mich am Fliednerplatz zu Hause. Hier winkt man sich zu, man bleibt stehen und unterhält sich. Im Juni trafen sich die Mieter der Häuser 8 und 10 zum ersten Dachterrassenfest, im September gab es ein Grillfest in der Gemeinschaftswohnung im Haus 6. Diese Wohnung im Erdgeschoss ist nicht vermietet, sondern ist Treffpunkt für alle der rund 100 neuen Mieter am Fliednerplatz. Hier gibt es inzwischen einen Spielenachmittag und Seniorengymnastik. Außerdem steht die Wohnung allen Mietern als Übernachtungsmöglichkeit für Gäste zur Verfügung, mit barrierefreiem Bad und gut ausgestatteter Küche. Die Organisation ist ehrenamtlich geregelt.

Interesse an barrierearmen Wohnungen

Der Altersdurchschnitt der Mieter und Mieterinnen ist eher hoch, wird aber durch einige junge Paare mit Babys erfreulich gesenkt. Klar, dass Menschen im Rentenalter sich brennend für das barrierearme Wohnprojekt mit Nachbarschaftsbezug und nächster Nähe zur Altenhilfe interessierten. Denn das gibt es noch viel zu wenig. Doch die Mieter im Alter von 60-plus sind genau richtig für den Anfang der Konversion von der Anstalt zum Wohngebiet. Viele gehen mittags in die NRD-Kantine zum Essen, manche sitzen inzwischen ganz selbstverständlich mit behinderten Menschen am Tisch zusammen – und betrachten »behindert sein« inzwischen anders. Sie sind ja selbst nicht mehr so fit wie noch vor zehn Jahren.
 Marlene Broeckers

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