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Börneplatz-Konflikt • Von Dieter Schneberger

Kampf um Ghettoruinen

epd/Thomas LohnesZwischenzeile Zur Erinnerung an die Vernichtung der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt hat die Stadt die Gedenkstätte am Neuen Börneplatz eingerichtet. In deren Mitte befindet sich ein von Baumreihen umgebener Kubus, der aus Steinen der an dieser Stelle freigelegten alten Frankfurter Judengasse aufgeschichtet ist.

FRANKFURT. Das Verwaltungsgebäude der Stadtwerke weiterbauen oder die Funde als »Spiegel der Erinnerung und Mahnung« für die Nachwelt sichern? Vor 30 Jahren kochte der Konflikt um das ausgegrabene Frankfurter Judenghetto hoch.

Im Frühjahr 1987 wurden bei den Bauarbeiten für das Verwaltungsgebäude der Frankfurter Stadtwerke Fundamente von Häusern und Reste eines rituellen Tauchbads der Judengasse freigelegt. Es handelte sich um den bis dahin größten archäologischen Fund einer jüdischen Siedlung aus der Frühen Neuzeit in Europa.

Erstes jüdische Ghetto Europas

Die Judengasse in Frankfurt am Main war 1462 als erstes jüdisches Ghetto Europas eingerichtet worden und existierte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die Gasse war knapp drei Meter breit und etwa 330 Meter lang und beschrieb einen Bogen, der ungefähr von der Konstablerwache bis zum heutigen Börneplatz reichte. Das Areal war ursprünglich für 15 Familien mit etwas mehr als 100 Mitgliedern geplant. Da der Magistrat sich jahrhundertelang seiner Erweiterung widersetzte, lebten am Ende des 18. Jahrhunderts rund 3000 Menschen dort. Fast 200 Häuser und Hinterhäuser bildeten je zwei doppelte Gebäudezeilen zu beiden Seiten der Gasse.

Experten sollen für Ruhe sorgen

Nach den Ausgrabungen 1987 beharrte der Magistrat darauf, das Verwaltungszentrum der Stadtwerke weiterzubauen und lediglich Reste des Ghettos in den Neubau zu integrieren. Ende August spitzte sich die Situation zu. Ein Bündnis »Rettet den Börneplatz!« aus Kirchen, der jüdischen Gemeinde, Gewerkschaften und den Parteien SPD, FDP und Grüne forderte Oberbürgermeister Wolfram Brück (CDU) auf, den Bau zu stoppen. Ein internationales Expertengremium solle in Ruhe eine Gesamtkonzeption erarbeiten.

Kundgebung mit Dieter Trautwein

Am 27. August besetzten zahlreiche Personen die Baustelle, um das weitere Abräumen der Ghettoreste zu verhindern. Bei einer Kundgebung am 29. August in der Innenstadt rief der evangelische Frankfurter Propst Dieter Trautwein dazu auf, den ganzen Börneplatz »als Spiegel der Erinnerung und der Mahnung« zu erhalten. »Setzen wir uns noch einmal zusammen«, appellierte er an den Magistrat. Es könne »nicht unbillig« sein, trotz aller Vorentscheidungen und angefallenen Kosten »noch einmal nachzudenken«.

Apelle gehen ins Leere

Doch die Appelle gingen ins Leere. Am 2. September ließ die Stadt die Baustelle räumen. Die etwa 25 Besetzer, die sich am Morgen auf dem Platz befanden, trug die Polizei weg. Unter ihnen war auch der schäumende Brumlik. Der wertete die Räumung als Brüskierung der großen gesellschaftlichen Gruppen der Stadt und als »Zeichen politischer Schwäche«. Gleichwohl hielt Oberbürgermeister Brück an dem Neubauprojekt fest und rechtfertigte die Räumung unter anderem damit, dass er eine »Hüttendorfsituation« wie auf der Baustelle zur Startbahn West des Frankfurter Flughafens habe verhindern wollen.

Ein Kompromiss

In den Wochen danach handelten die Stadt und die jüdische Gemeinde mit ihrem kämpferischen Vorsitzenden Ignatz Bubis an der Spitze einen Kompromiss aus: Fünf der entdeckten Hausfundamente und zwei Tauchbäder wurden abgetragen, konserviert und im Kellergeschoss des neuen Stadtwerke-Gebäudes wiedererrichtet. Sie bilden bis heute den Mittelpunkt des 1992 eröffneten Museums Judengasse.

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