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Deborah Feldman über ihren Ausstieg

»Ich bin vor allem ein Mensch«

Marlene BroeckersEine nachdenkliche Deborah Feldman nimmt sich in Offenbach sehr viel Zeit zum Signieren ihrer Bücher.

OFFENBACH. Wie findet man den Weg heraus aus einer fundamentalistischen religiösen Sekte, in der man geboren und aufgewachsen ist? Deborah Feldman hat das ganz alleine geschafft. In der Alten Schlosserei in Offenbach erzählt sie, wie.

Deborah Feldman macht Eindruck. Sie wirkt offen und ehrlich, warmherzig und blitzgescheit. Sie hat einen schweren Weg hinter sich. Die 31-Jährige lebt seit drei Jahren in Berlin, seit diesem Sommer besitzt sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Auf ihrer Lesereise machte sie auch Station in Offenbach, auf Einladung der Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft, die sich als Forum zeitgenössischen Judentums versteht.

Zurückversetzt in ein jüdisches Schtetl

Beim Lesen von »Unorthodox«, ihrem ersten Buch, 2012 in den USA erschienen, 2016 in Deutschland, fühlt man sich um einige hundert Jahre zurückversetzt in ein jüdisches Schtetl. Die chassidische Gemeinschaft Satmar, die 1905 im heutigen Rumänien gegründet wurde und nach dem Holocaust in den New Yorker Stadtteil Williamsburg in Brooklyn übersiedelte, lebt sehr weit in der Vergangenheit.

Den Körper bedecken und Kinder gebären

Die Satmarer glauben, dass alle Übel, die den Juden durch die Jahrhunderte hindurch bis zum Holocaust widerfuhren, Strafen Gottes sind. Strafen dafür, dass die Juden sich vom strenggläubigen Leben abgewandt haben. Dass sie bereit waren sich zu assimilieren. Und dass sie den Staat Israel gegründet haben. Die jüdische Nation könne nur von Gott gegründet werden und dies werde am Tag der Rückkehr des Messias geschehen.

Frauen sollen nicht lesen, brauchen keine Bildung

Um diesen Tag herbeizuführen, leben die Satmarer abgeschottet vom Einfluss der modernen Welt. Fernsehen und die englische Sprache sind verboten. Sie sprechen ausschließlich Jiddisch. Frauen sollen nicht lesen, brauchen keine große Bildung. Ihr Körper ist da, um ihn zu bedecken und Kinder zu gebären. Sie gehen in die Schule, um sich auf die Ehe und das Familienleben vorzubereiten. In diese Welt wird 1986 Deborah Feldman hineingeboren. Als »unnormales« Kind – ihr Vater ist geistig behindert, ihre Mutter verlässt die Familie schnell wieder. Sie wächst bei ihren Großeltern auf. Großmutters Küche ist der einzige Ort, an dem das Kind sich geborgen fühlt. Zuhause fühlte sich Deborah Feldman in Williamsburg nicht, doch sie tut alles, um dazuzugehören.

Mit 17 Jahren schließt sie eine arrangierte Ehe

Für 60 Dollar, die sie beim Babysitten verdient hat, kauft sie sich als Kind den Talmud, ein Buch, das Satmarer Frauen nicht lesen dürfen. Sie schleicht sich in Bibliotheken und liest und liest, um immer mehr zu verstehen, was mit ihrer Welt nicht stimmt. Mit 17 Jahren geht sie eine arrangierte Ehe ein, lässt sich den Kopf kahlrasieren, um künftig Perücken zu tragen. Zwei Jahre dauern die krampfhaften, von Schmerz und Panik begleiteten Versuche, mit ihrem Mann Eli ein Kind zu zeugen. Mit 24 Jahren lässt sie sich scheiden und vollzieht den radikalen Bruch mit der Gemeinde und ihrer Familie – das heißt mit allem, was ihr Leben bis dahin ausmachte. Von Marlene Broeckers

Deborah Feldman: »Unorthodox«; Secession Verlag Zürich 2016; 384 Seiten; zehn Euro»Überbitten«; Secession Verlag Zürich 201; 700 Seiten; 28 Euro

Deborah Feldman liest am 30. August 2018 in Gau Algesheim bei Ingelheim.

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