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Schüler besuchen interaktive Ausstellung „Der Weg“ in der Jugendkirche Wiesbaden

Für zwei Stunden auf der Flucht

eöa/Andrea WagenknechtDie Schülerinnen und Schüler aus Erbenheim in der Ausstellung „Der Weg“ in der Evangelischen Jugendkirche in Wiesbaden-Biebrich.

Wiesbaden. Mal in der Haut des anderen stecken können Jugendliche in der Schau „Der Weg“. Vorgefertigte Lösungen für schwierige Situationen erhalten sie nicht.

Die 13-jährige Emine von der Hermann-Ehlers-Schule aus Wiesbaden-Erbenheim blättert in ihrem roten Pass. Für zwei Stunden heißt Emine jetzt Luludja – sie eine zwölfjährige Rumänin mit vier Geschwistern. Und sie ist Roma, deswegen wird sie in ihrer Heimat verfolgt und muss fliehen. Sie würde gerne in Deutschland Asyl beantragen. Jetzt muss sie sich nicht nur von Rumänien nach Deutschland durchschlagen, sondern ist auch darauf angewiesen, von den deutschen Behörden angehört zu werden und Asyl gewährt zu bekommen. Was Luludja auf ihrem langen Weg bis zum Asylantrag erlebt, das fühlt und spielt Emine aus Erbenheim an diesem Vormittag nach. „Der Weg“ heißt die interaktive Ausstellung, die in der Jugendkirche (Oranier-Gedächtnis-Kirche) in Biebrich zu erleben ist.

Für die Ausstellung hat sich der Altarraum der Oranier-Gedächtnis-Kirche in mehrere Erlebnisräume verwandelt, die mit Bauzäunen voneinander getrennt sind. Irgendwo steht ein Schlauchboot, Pappen und Teppichreste liegen auf dem Boden herum. An den Zäunen hängen großformatige Schwarzweißfotos – sie zeigen Menschen, die sich mühsam über einen schmalen Pfad durch ein Gebirge kämpfen, die aus Zugfenstern winken, vor Behördentüren warten oder in schmutzigen Hallen auf dem Boden schlafen

In zwei Gruppen werden Schülerinnen und Schüler von den Gemeindepädagogen Sören Dibbern und Martin Biehl durch die Ausstellung gelotst. Wie Emine haben sie alle vorher eine neue Identität bekommen, der rote Pass baumelt gut sichtbar um ihren Hals, am Ende dürfen sie ihn mit nach Hause nehmen: Für diesen Vormittag sind sie Kinder oder junge Erwachsene aus der Ukraine, aus Syrien, dem Iran oder Eritrea. Sie fliehen vor Hunger, vor Verfolgung oder vor Krieg, manche haben Geschwister, andere nur noch Großeltern, manchmal ist ein Elternteil tot.

In den einzelnen Erlebnisräumen der Ausstellung spüren die Schülerinnen und Schüler emotional nach, was es heißt, aus der Heimat fliehen zu müssen: Sie erleben banges Warten, Hoffnung und Rückschläge, kommen mit Schleusern in Kontakt, mit korrupten Arbeitgebern und schroffen Beamten. Sie drängen sich an einer Station in einem Boot woanders oder in einem LKW-Container, und sie müssen eine Grenze überwinden. Am Ende bekommen sie eine Chance auf Asyl - oder werden abgewiesen.

Emine ist von dem Vormittag in der Jugendkirche begeistert: „Es ist sehr gut, sowas mal zu erleben.“ Sie überlegt sich, auf ihrem Schulhof mal gezielter auf die Mitschüler zuzugehen, die alleine sind. Auch der 13-jährige Celal erklärt: „Jetzt wissen wir, wie diese Jugendlichen sich fühlen.“

Sören Dibbern ist froh, dass es auch über den Zeitraum von rund zwei Stunden mit den Schülern so gut läuft: „Ich finde es wichtig, die Jugendlichen nicht nur mit Informationen zu berieseln, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in die Situation von Flüchtenden wirklich hineinzuversetzen.“ Das spannende sei, sagt Dibbern, dass die Ausstellung keine Lösungen anbiete: „Wenn der Schlepper mehr Geld will oder der beste Freund plötzlich krank wird, dann stehen sie halt da. Sie sollen das nachempfinden, sollen sich mit der Situation auseinandersetzen. Ich wünsche mir, dass es einfach die Wahrnehmung und das Verständnis schärft.“

Von Andrea Wagenknecht

 

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