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Andacht

Falsche Reihenfolge

Wenn Kinder vor ihren Eltern sterben

KatarzynaBialasiewicz/iStockMartin Vorländer ist Pfarrer und Theolo‧gischer Redakteur der Evangelischen ‧Sonntags-Zeitung.

Nicole Kohlhepp/MedienhausMartin Vorländer

Ich wäre doch dran gewesen mit dem Sterben«, sagt der Mann bei der Beerdigung seiner Tochter. Noch vor sechs Monaten stand sie mitten im Leben. Erfolgreich im Beruf, Karriere als Personalerin in einem großen Unternehmen. Ständig weltweit auf Achse. Mit einem Lebensgefährten, der ihr den Rücken freihielt. Dann bekam sie die Diagnose, die alles in Frage stellte. Aber sie blieb optimistisch und souverän. »Papa, zu meinem Geburtstag feiern wir ein großes Fest!«, hat sie gesagt. Sie ist an ihrem Geburtstag gestorben. Mit 47.

An ihrem Grab liest der Pfarrer aus dem Psalm 22: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe. Du legst mich in des Todes Staub.« Warum. Das fragt stumm der Vater. Er hat erlebt, wie das Leben seiner Tochter ausgeschüttet wurde wie Wasser. Sie war immer so stark, und dann sind ihre Kräfte vertrocknet wie eine Scherbe. Ihr Optimismus und ihr Mut schmolzen dahin wie Wachs. Warum sie und nicht ich?, fragt sich ihr alter Vater. »Alles kann, nichts muss.« Den Satz hat seine Tochter gerne gesagt. So hat sie gelebt. Sie wollte die Freiheit haben, sich für Möglichkeiten zu entscheiden. Sie hat lieber in Herausforderungen als in Problemen gedacht. Sie hat nicht vermutet, dass die Herausforderung Sterben so früh kommen würde. Durch ihre Krankheit bekam der Satz noch eine andere Bedeutung für sie. Alles kann, nichts muss. Welche und wie viele Therapien muss sie machen, kann sie machen? Ab wann muss sie, kann sie geschehen lassen, was auf sie zukommt? Sie hat gekämpft, um sich diese Freiheit bis zu ihrer letzten Stunde zu bewahren. Einmal hat der Vater sich getraut, mit ihr über den Tod zu sprechen. Er hat sie gefragt: »Glaubst du, da kommt noch was?« Sie hat gelächelt: »Alles kann, nichts muss.«

Vielleicht würde sie ihm das in seiner Trauer jetzt auch sagen. Es kann weitergehen. Es darf weitergehen, auch wenn ihr Tod ein Loch reißt. Wo Liebe groß ist, da wird auch Trauer über den geliebten Menschen bleiben, den man verloren hat. Trauer kann ich nicht abarbeiten wie eine Akte, die ich irgendwann schließe. Sie lässt sich nicht vertrösten oder wegreden. Sie kann mit mir gehen ein Leben lang. Aber Trauer kann sich verwandeln, so dass sie nicht mehr jede Stunde bestimmt vom Aufwachen am Morgen bis in die Nacht hinein. Sie kann Platz machen auch für andere Gefühle. Für ein Lächeln und sogar Lachen ohne schlechtes Gewissen. Das Leben wird nie mehr so sein wie vorher, weil der geliebte Mensch nicht mehr da ist. Aber das Leben ist und bleibt kostbar, weil der geliebte Mensch da war und seine, ihre Spuren hinterlassen hat.

Mein Gott, warum. Auf die Frage gibt es keine Antwort. Für den Vater bleibt die Reihenfolge falsch, dass seine Tochter vor ihm gestorben ist. Die Trauergemeinde betet am Grab: »Vater unser ... und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Eine Antwort, Gott, bist du mir schuldig, denkt der alte Mann.

Von Martin Vorländer

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Losung und Lehrtext für Samstag, 25. November 2017
Achtet ernstlich darauf um eures Lebens willen, dass ihr den HERRN, euren Gott, lieb habt. Josua 23,11
Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 1.Johannes 4,16

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Martin Vorländer
Theologischer Redakteur

Tel.: 069 / 92107-443
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