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Meinung

Die digitale Welt

N. KohlheppWolfgang Weissgerber

D ie Verelendung der Massen hat Karl Marx schon vor 150 Jahren vorhergesagt. Viele seiner Analysen in »Das Kapital« trafen zwar zu und lesen sich gerade heute wieder erschreckend aktuell. Mit der Prognose der Verelendung aber lag er falsch. Ob das Gespenst der Digitalisierung ihm nun nachträglich Recht gibt? Das darf bezweifelt werden – auch wenn die Arbeitswelt eine andere werden wird.

Die Frankfurter Buchmesse hat demonstriert, wie ein halbes Jahrtausend nach der Erfindung des Buchdrucks die mediale Welt durch die Digitalisierung ein weiteres Mal vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Auf der weltweit größten Veranstaltung dieser Art geht es längst nicht mehr allein um bedrucktes Papier. Viele Aussteller haben es überhaupt nicht (mehr) im Programm – sie begreifen die Digitalisierung als Erweiterung ihrer bisherigen und Eröffnung neuer Geschäftsfelder. Da wurden alle möglichen Apps für Mobiltelefone präsentiert, Radio und Fernsehen sind da, Softwarefirmen boten digitale Programme und Spiele an. Das E-Book als Alternative zum gedruckten Buch ist bereits eine Selbstverständlichkeit.

In einem Kunstprojekt auf der Messe stand gar ein Roboter und schrieb in drei Sprachen Texte. Auch im Marketing der Medienunternehmen hat Kollege Computer einen festen Arbeitsplatz. Er kümmert sich um »Influencer Marketing« in sozialen Medien oder hilft beim Erstellen von Kundenprofilen und der Analyse des Käuferverhaltens.

Zeitungsverlage sind so ziemlich die einzigen, die in der digitalen Welt unter die Räder zu geraten drohen. Ihr Geschäftsmodell zerbröselt, weil ihre Ware – Informationen – im Internet auch kostenlos zu haben ist und ihre Dienstleistung – Werbung – vom Internet effizienter und billiger angeboten wird. Sie müssen sich neu orientieren – oder sie werden untergehen. Das wird dem Fernsehen vermutlich nicht blühen. Aber eine neuartige Konkurrenz macht auch ihm das Leben schwer. Streaming-Dienste erlauben den Zugriff auf Sendungen aller Art zu jedem gewünschten Zeitpunkt. Wenn sie die Sender dann auch noch – wie bei einigen Serien – in Sachen Qualität schlagen, haben diese ein Problem.

Wirklich massiv gefährdet die Digitalisierung jedoch Arbeitsplätze in Industrie und Verwaltung. Hat die Globalisierung schon dafür gesorgt, menschliche Arbeitskraft dort abzurufen, wo sie reichlich und preiswert vorhanden ist, ersetzt sie die Digitalisierung vollends. Menschenleere Hallen, in denen Roboter Autokarosserien zusammenschweißen, sind ja bereits Realität. 3-D-Drucker können vom kleinen Spielzeugauto bis zum Rohbau eines Hauses fast jedes gewünschte Produkt herstellen – da gehen weitere Jobs flöten. Neben der Produktion werden auch Verwaltung und Dienstleistung umgekrempelt. Bankfilialen werden überflüssig, weil fast alles, was sie können, auch online funktioniert.

Aber wer soll all die schönen Dinge kaufen, wenn keiner mehr Arbeit hat, um das erforderliche Geld zu verdienen? Dann bräche das ganze System zusammen. Da gilt das Prinzip Hoffnung. Bislang hat es der Kapitalismus noch immer geschafft, nicht nur seine Kosten zu senken, sondern auch seine Absatzmärkte zu sichern. Das ist mit planwirtschaftlichen Modellen, so verlockend sie klingen mögen, noch nie gelungen.

Der Kapitalismus neigt allerdings zur Monopolisierung. Das hat schon Karl Marx erkannt, und es gilt für die traditionelle Industrie ebenso wie für Datenkraken von Google bis Facebook. Es gehört zum Geschäft, der Konkurrenz Marktanteile abzujagen und sie aus dem Markt zu drängen. Man muss dem Kapitalismus also permanent auf die Finger schauen, ihn Regeln unterwerfen. Dazu braucht es einen stabilen demokratischen Staat und eine aktive Bürgergesellschaft mit starken Gewerkschaften und kritischen Kirchen. Und ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Von Wolfgang Weissgerber

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