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Meinung

Ein Anfang

N. KohlheppNils Sandrisser

Man muss nicht alle Flüchtlinge willkommen heißen. Es sei denn, man will sich Christ nennen, dann schon. In diesem Punkt reicht der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten nicht von der Tapete bis zur Wand, haben Stadtdekan Johannes zu Eltz und Kirchenpräsident Volker Jung bei der Diskussion »Zweifeln erlaubt: Müssen Christen alle willkommen heißen?« von Evangelischer Akademie Frankfurt, Haus am Dom und Evangelischer Sonntags-Zeitung klar gesagt.

Aber natürlich gibt es auch Menschen, die in diesem Punkt anderer Meinung sind. Die Diskussion an jenem Abend hat auch gezeigt, dass nicht nur die Meinungen verschieden sind, sondern auch das, was die Vertreter dieser Meinungen für Realität halten. Für die einen gilt der Imperativ »Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem ander'n zu«, für die anderen ist das bloß politische Korrektheit und Tugendterror. Für die einen sind Menschen, die vor Krieg, Gewalt oder einfach nur Armut hierher fliehen, eine Chance für Deutschland. Für die anderen sind sie Invasoren, die hier die Herrschaft an sich reißen wollen.

Je weniger die eigene Vorstellung von Realität durch nachprüfbare Fakten gedeckt ist, desto lauter und aggressiver wird der Tonfall, in sozialen Medien und in der gesellschaftlichen Diskussion überhaupt. Die ist ekelhaft geworden. Oft geht es nicht mehr um Positionen, sondern um die vermeintlichen persönlichen Eigenschaften des Gegners. Wer Unbehagen ob der Zuwanderung verspürt, wird dann schnell zum Rassisten gestempelt, zum Rechtsextremisten. Wen die Neuankömmlinge nicht besonders stören, dem brüllt man gerne mal entgegen, er sei ein naiver Gutmensch oder ein rot-grün-versiffter Spinner.

Psychologen kennen das unter dem Begriff »kognitive Dissonanz«. Die meisten Menschen haben von Natur aus das Bedürfnis, in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben. Wenn zwei unterschiedlicher Meinung sind, dann ist das ein unangenehmes Gefühl. Manche Menschen ertragen das nicht. Sie heben – unbewusst – diese kognitive Dissonanz auf eine andere Ebene. Dann ist für sie der andere nicht mehr nur anderer Meinung, sondern er ist dieser anderen Meinung, weil er sowieso immer gegen einen ist, ein Depp, ein Nazi oder ein Linksfaschist. Was auch immer. Hauptsache, man muss sich nicht mehr inhaltlich mit dessen Meinung auseinandersetzen, weil man sie praktischerweise gleich zusammen mit seiner Person diskreditiert hat.

Zeit, die Debatte zu versachlichen. Das scheint schwierig, weil mittlerweile in der Tat viele menschenfeindliche Töne zu hören sind. Wie es gehen kann, sagt zum Beispiel der Erziehungswissenschaftler Klaus-Peter Hufer: »Die Position ablehnen, aber die Person annehmen.« Wenn jemand behauptet, alle Muslime seien potenzielle Terroristen oder Vergewaltiger, ist das ein böser Satz. Aber das macht den, der ihn sagt, noch nicht zu einem bösen Menschen. Und aus christlicher Sicht, auch das haben zu Eltz und Jung beide klar gesagt, geht eine Sache gar nicht: mit gleicher Münze heimzahlen. Es kommt nicht darauf an, wer die anderen sind, was sie tun oder sagen.

Wenn wir die gesellschaftlichen Pole wieder zueinander bringen wollen, dann nur auf der inhaltlichen Ebene. Auf der Beziehungsebene kommen wir keinen Schritt weiter. Das mit der kognitiven Dissonanz müssen wir bei uns selbst schon im Griff haben. Ein positives Beispiel ist Markus Nierth: Der ehemalige Tröglitzer Bürgermeister, der Flüchtlinge willkommen hieß, ist nach NPD-Anfeindungen zurückgetreten und muss bis heute viel Gegenwind in seinem Wohnort ertragen. Dennoch sieht er in den Tröglitzern keine Satane. Er hat sich mit ihnen befasst, ist auf ihre persönlichen Geschichten eingegangen und hat nach Gründen für ihre Ansichten gesucht. So muss die Debatte bitteschön laufen. Die Diskussion »Zweifeln erlaubt« sollte erst ein Anfang sein.

Von Nils Sandrisser

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