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Meinung

Die Engel des ADAC

N. KohlheppWolfgang Weissgerber

Hurra! Die evangelische Kirche verliert nur noch so viele Mitglieder wie vor den Skandaljahren 2014 und 2015. Damals hatten sich viele Menschen über die Millionenverschwendung des katholischen Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst und über die Kirchensteuer auf Kapitalerträge aufgeregt. Aber jetzt ist ja wieder alles gut. Wirklich?

Allein der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hatten seinerzeit knapp 16 000 beziehungsweise fast 20 000 Mitglieder den Rücken gekehrt. 2016 waren es »nur« noch an die 14 000, deutlich weniger als ein Prozent der Mitglieder, nachzulesen im aktuellen Jahresbericht der EKHN. Das sind Austrittszahlen, von denen Parteien und Gewerkschaften träumen. Auch viele von Auszehrung durch Überalterung gebeutelte Vereine könnten mit

Allein der ADAC wächst und wächst, trotz Manipulationen bei Autotests, Selbstbedienungsmentalität in seiner Führungsriege und fragwürdigen Geschäftspraktiken. Doch die Pannenhilfe auf den Straßen, eine wirksame Lobby für freie Fahrt und die Fürsorge für gestrandete Touristen sind den Menschen offenkundig wichtiger als Funktionäre mit blütenweißer Weste.

Nun ist die Kirche kein ADAC für die Straßen des Lebens. Ihr Servicecharakter ist jenseits von Taufe, Hochzeit und Beerdigung nur schwer auszumachen, als Lobby für Ethik gilt sie – wenn auch zu Unrecht – mehr als Bremse denn als Motor, und ihr Alleinstellungsmerkmal als Fegefeuervermeidungshelfer sind die Kirchen der Reformation wegen dieser schon lange los.

Selbst Engel hat auch der ADAC. Was also hält die Menschen in der Kirche? Die Möglichkeit, sonntags um zehn mit 20 oder 30 Gleichgesinnten zum Gottesdienst zu gehen? Der größte Teil der Mitglieder – ausgerechnet vor allem diejenigen, die überhaupt Kirchensteuer bezahlen – nimmt die kirchlichen Angebote nicht oder nur sporadisch wahr. In Befragungen kommt dagegen immer wieder zum Vorschein, dass das soziale Engagement von Kirche und Diakonie ein starkes Motiv für die Mitgliedschaft und die Bereitschaft ist, Kirchensteuer zu zahlen.

Nicht allen ist dabei bewusst, dass viele Ausgaben fürs Soziale nur durchlaufende Posten sind, die aus öffentlichen Kassen refinanziert werden. Diesen Umstand binden – bei aller Transparenz, der die EKHN und andere evangelische Landeskirchen ihre Finanzen unterwerfen – die Hirten ihren Schäflein indes nicht unentwegt auf die Nase.

Die Austritte sind es jedoch gar nicht, die der Kirche Sorgen bereiten. Ihr Problem ist vielmehr die Überalterung ihrer Mitgliedschaft. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Zahl der Austritte im vorigen Jahr durch die Taufe von Kindern und Erwachsenen, durch Wiedereintritte und Übertritte aus anderen Kirchen sogar leicht überkompensiert werden konnten. Da aber zugleich mehr als 20 000 Mitglieder zu Grabe getragen werden mussten, ist deren Gesamtzahl in eben dieser Größenordnung geschrumpft.

Noch überdeckt die kräftige Wirtschaftsleistung die finanziellen Folgen

Trotzig heißt es zwar, man wolle Volkskirche bleiben. Vielleicht nur noch ein kleiner Teil des Volkes, aber gleichwohl für dessen Gesamtheit zuständig. Der Verlust an öffentlicher Relevanz der Kirche ist aber jetzt schon groß. Es wäre jede Anstrengung wert, dafür zu sorgen, dass ihre Stimme weiterhin gehört wird.

Von Wolfgang Weissgerber

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