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Blickpunkt

»Alle warteten auf meine Entscheidung«

Atomkrieg

Oliver Killig/dpaDer frühere Sowjet-Offizier Stanislaw Petrow hält im Februar 2013 den mit 25.000 Euro dotierten »Dresden-Preis« in der Semperoper in Dresden in den Händen. Der ehemalige Oberstleutnant der Sowjetischen Luftwaffe verhinderte vor 33 Jahren, dass aus einem Fehlalarm ein Atomkrieg wurde.

Am 26. September jährt sich zum dritten Mal der von der UN-Versammlung ausgerufene Internationale Tag für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen. Warum am 26. September?

Wir müssen 33 Jahre zurückgehen ins gefährlichste Jahr des Kalten Krieges. Viele Menschen auch in Deutschland – hüben und drüben – peinigt die Furcht, dass der sogenannte Ost-West-Konflikt zu einem militärischen Konflikt eskalieren würde. Einem Krieg, in dem der Einsatz von atomaren Waffen sehr wahrscheinlich wäre. In dieser Situation spielt sich am 26. September ein Vorgang ab, der ohne Beispiel ist.

Raketenangriff des Westens möglichst früh feststellen

Der Hauptakteur heißt Stanislaw Petrow. Er ist Jahrgang 1939. Tatort ist der riesige Serpuchow-15 Bunker in der Nähe Moskaus. Dort ist das sowjetische Raketen-Frühwarnsystem untergebracht. Petrow ist Oberstleutnant der Sowjetischen Luftwaffe in der Raketen- und Flugabwehr. Seine Aufgabe: mit seinen Untergebenen die Überwachung des sowjetischen Luftraums per Satellit und Computer zu leiten. Zu seinen Pflichten gehört es, möglichst früh und absolut fehlerfrei einen Raketenangriff des Westens gegen den Osten festzustellen. Die Nachricht davon muss dann unverzüglich weitergeleitet werden an die politische Führung mit Juri Andropow an der Spitze. Dieser hätte dann den Abschuss der sowjetischen Raketen zu befehlen. Der ganze Ablauf muss innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Minuten geschehen. So lange brauchte eine Rakete aus den USA nach Moskau.

Die ganze Festbeleuchtung geht an

Von dem, was am 26. September 1983 passiert, berichtet Petrow so: »Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten kyrillischen Buchstaben: ›Raketenstart‹ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren ganz durcheinander geraten und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.«

Amerikanischer Angriff würde nicht mit einer Rakete beginnen

Petrow gelingt es, sich zu fassen und seinen Verstand auszurichten: Ein amerikanischer Atomangriff auf die Sowjetunion würde nicht mit einer einzelnen Rakete beginnen, sondern mit einer Unmenge. Er telefoniert mit dem Generalstab. Noch während dieses Gesprächs »meldete der Computer einen zweiten Raketenstart und dann einen dritten, vierten und fünften«. Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur wenige Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach muss unbedingt Andropow informiert werden. Wenn dieser sich zum Abwehrschlag entschließt, sind sieben Minuten später ein ganzes Rudel sowjetischer Interkontinental-Raketen des Typs SS-18 unterwegs in Richtung Washington, New York und diverser US-Militärbasen in Europa – insbesondere nach Westdeutschland. Alles wird in Gang gesetzt nach der geltenden Doktrin von der »gesicherten gegenseitigen Zerstörung«.

Petrow geht intuitiv von einem Irrtum aus

Aber Oberstleutnant Petrow riskiert Kopf und Kragen und verweigert den Befehl zur Information Andropows. Warum? Eine sachlich, überlegte Entscheidung hat Petrow nicht im Kopf. »Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren«, erklärt er den Vorfall 20 Jahre später. »Man kann sich nur auf seine Intuition verlassen.« Also entscheidet Petrow intuitiv und geht noch einmal von einem Irrtum aus.

Atomkrieg aus Versehen

Er riskiert alles. Einerseits spielt er mit Verurteilung wegen Befehlsverweigerung, andererseits wäre ein nuklearer Schlagabtausch ein »Atomkrieg aus Versehen« mit dramatischen Konsequenzen. Und Petrows Intuition wird bestätigt – Fehlalarm.

Reflexion von Sonnenstrahlen falsch interpretiert

Was hat den Fehlalarm ausgelöst? Die späteren Untersuchungen ergeben: Der sowjetische Weltraumsatellit Kosmos 1382 hat Reflexionen von Sonnenstrahlen in der Gegend der amerikanischen Malmstrom-Raketenbasis in Montana für den Schweif einer startenden Rakete gehalten.

Karriere endet mit Wechsel auf unbedeutenden Posten

Welche Folgen hatte der Fehlalarm für Stanislaw Petrow? Seine Tat – besser: seine Nicht-Tat – bleibt zu Zeiten des sowjetischen Sozialismus unbekannt. Für ihn und die Zeugen wird ein strenges Schweigegebot erlassen. Erst 1991 berichtet die Prawda davon. Nach jenem Ereignis wird Petrow dafür weder gewürdigt noch bestraft. Aber seit seinem eigenmächtigen Handeln gilt er nicht mehr als ein zuverlässiger Offizier. Seine bis dahin ungebrochen verlaufene Karriere endet, indem er auf einen bedeutungslosen Posten versetzt wird. Eine kleine Ehrung bekommt er 1984 wegen seiner »Verdienste« um den Aufbau der Raketenstation Serpuchow-15, nicht für das, wofür er am 26. September 1983 die Verantwortung übernimmt. Auch vereinzelte, weithin unbeachtet gebliebene Ehrungen – zum Beispiel der »Dresden-Preis 2013« – konnten nicht mehr verhindern, dass er zu einem gebrochenen Mann wurde, der heute alkoholkrank, psychisch versehrt und physisch krank in der Nähe von Moskau lebt.

Von Malte Heine und Rolf Wischnath

Malte Heine ist Theologiestudent und Rolf Wischnath Honorarprofessor an der Universität Paderborn.

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