Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Blickpunkt

Anker für Familien in Krisen

Angehörigenseelsorge

Parya MadjzoubBeim Familientag in Butzbach spielen Vater und Sohn.

Mit dem Papa herumtollen, ihm von der Schule oder dem Sport erzählen, ihn um Rat fragen: Kinder von Inhaftierten haben dazu selten Gelegenheit. Hilfreich ist die Angehörigenseelsorge der hessen-nassauischen Kirche.

Eng an seinen Vater geschmiegt, sitzt Dennis* am sonntäglichen Kaffeetisch. Ab und zu legt er die Wange auf dessen Brust und einen Arm um den Bauch. Der Elfjährige genießt wortlos die innige Nähe, während die Mutter und die großen Brüder angeregt mit dem Vater reden. Eigentlich ist alles wie in einer normalen Fmilie – müsste Matthias Reber* nicht wieder in seine Zelle zurück.

Von Gitterstäben keine Spur

Im kirchlichen Mehrzweckraum mit den riesigen Fensterfronten erinnert nichts an ein Gefängnis. Von Gitterstäben oder uniformierten Beamten weit und breit keine Spur. Das Buffet, die kleinen Spielinseln und Knautschsäcke zum Fläzen könnte man genauso gut in einem Gemeindesaal finden. Ebenso Väter, die mit ihren Kindern durch die Gegend toben.

Besuche schützen vor Entfremdung

Fünf Stunden lang herrscht in dem Raum ein ausgelassenes Treiben, das so gar nicht in eine Justizvollzugsanstalt (JVA) passen will. Mag der Abschied da noch schwerer als bei den regulären Besuchen fallen, steht für Anja Reber* fest: »Der Familienbegegnungstag hilft uns, die Trennung zu überstehen und schützt uns vor Entfremdung.«

Beisammensein bedeutet ein Stück Normalität

Wie ihr zu fünf Jahren Haft verurteilter Gatte würden sie und die Söhne den Treffen schon Tage vorher entgegenfiebern. Das Beisammensein in vertrauter Familienrunde sei ein Stückchen Normalität, »das allen viel bedeutet und von dem wir immer eine ganze Weile zehren«.

Chancen des Zusammenbleibens steigen

Wenn Anja Reber sagt »Ich bin unendlich dankbar für dieses absolut wichtige Angebot«, dürfte sie auch für die anderen Familien sprechen. Nach Beobachtung der Angehörigenseelsorgerin Barbara Zöller tragen die Nachmittage seit 2012 dazu bei, eine für die Familien belastende Situation zu meistern und erhöhen die Chancen des Zusammenbleibens. Zumal ein »Großteil der inhaftierten Männer zuvor in intakten Familien« gelebt habe.

Seelsorgerin kämpft für Begegnungsmöglichkeiten

Dass sich ihr Kontakt mit den Lieben nicht auf die üblichen zwei Stunden pro Monat in einer beengten Besuchsabteilung ohne Privatsphäre beschränkt, haben sie der Pfarrerin zu verdanken. Seit 25 Jahren im Strafvollzug tätig, war sie maßgeblich daran beteiligt, dass die hessen-nassauische Kirche 2002 die Angehörigenseelsorge eingeführt hat.

Konzept wurde deutschlandweit diskutiert

Seither mit einer entsprechenden Stelle in der JVA Butzbach betraut, sorgte Barbara Zöller unter anderem dafür, dass dort Väter jährlich vier Nachmittage im Kreis der Familie sowie acht Nachmittage mit ihren Kindern verbringen können. Ihr Konzept für das bereits 2009 gestartete Vater-Kind-Projekt wurde deutschlandweit in Arbeitsgruppen der evangelischen Kirche diskutiert und läutete nicht nur in der Gefängnisseelsorge ein Umdenken ein.
»Das hessische Justizministerium hat die Vater-Kind-Nachmittage als sehr sinnvoll erkannt und in vielen Haftanstalten eingeführt«, so Barbara Zöller. Zu ihrer Freude hinterließ die in Butzbach und in der Frankfurter Frauenjustizvollzugsanstalt verankerte Angehörigenseelsorge weitere Spuren.

Gefängnisse sind familienfreundlicher geworden

 Inzwischen kümmerten sich in fast allen JVAs die Sozialarbeiter auch um die Angehörigen, sei durch den landeskirchlichen Vorstoß eine insgesamt größere Familienfreundlichkeit in die Gefängnisse eingezogen. Was mit den Partnern und Kindern Inhaftierter passiere, sei zuvor kaum in den Blick geraten. Dabei seien bundesweit rund eine halbe Million Menschen betroffen – darunter etwa 100 000 Kinder. Besonders sie würden bei den einstündigen Regelbesuchen oft den Kürzeren ziehen. Bei den Vater-Kind-Besuchen werde ihnen dagegen die ungebrochene Aufmerksamkeit des Papas zuteil.

Väter entwickeln emotionale Beziehung zu ihren Kindern

Barbara Zöller ist davon überzeugt, dass davon letztlich die gesamte Familie profitiert. Die Mütter tauschten sich beim Warten über Dinge aus, über die sie sonst mit niemandem reden können – zum Teil seien dadurch schon richtige Freundschaften entstanden. Etliche Väter entwickelten bei den Besuchen zu ihrem Nachwuchs überhaupt erst eine tiefere emotionale Beziehung.

Mit strahlendem Gesicht zurück in die Zelle

Dass da »beim Abschiednehmen nicht selten auf beiden Seiten Tränen fließen«, wundert die Pfarrerin kaum. Weil die Inhaftierten dennoch mit strahlenden Gesichtern in ihren Zellen verschwinden, fragten JVA-Bedienstete häufig: »Was haben Sie denn mit den Männern angestellt?« »Als Angehörigenseelsorgerin ist man Kummerkasten, Ansprechpartnerin bei Problemen und ein wichtiger Anker für Familien in Krisen«, umreißt Barbara Zöller ihr Arbeitsfeld.
* Name von der Redaktion geändert
Von Doris Stickler

Diese Seite:Download PDFDrucken

Ihre Ansprechpartnerin

Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
E-Mail

to top