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Blickpunkt

Neuer Hass

Antisemitismus verändert sich

vicky53/morguefile.comJuden in Europa sind Anfeindungen ausgesetzt. Viele wollen äußerlich deshalb nicht als Jude oder Jüdin erkannt werden.

BERLIN. Als vermeintliche Christusmörder werden Juden kaum noch gesehen. Grund zur Entwarnung ist das nicht.

Der jüdische Journalist und Arzt Leon Pinsker nannte den Antisemitismus, den Hass auf alles Jüdische, schon 1882 eine Geisteskrankheit; die Judäophobie, die Angst vor Juden, eine kollektive mentale Störung, eine Art Gespensterfurcht, selbst bei Gebildeten. Die Forschungen zu diesem Phänomen sind gigantisch. Fast ein dreiviertel Jahrhundert nach dem Holocaust könnte man annehmen, dass alles über die Varianten des Antisemitismus gesagt ist. Doch eine Tagung in Berlin, organisiert vom Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam und dem Institute for the Study of Contemporary Antisemitism der Indiana University in den USA, legt das Gegenteil nahe. Es gibt immer wieder neue Erscheinungsformen des Judenhasses.

Religiöser Antijuadismus tritt kaum noch auf

Anders als noch vor Jahrzehnten, trete etwa der christliche Antijudaismus kaum noch in Erscheinung, sagte der Antisemitismusforscher Olaf Glöckner vom Moses Mendelssohn Zentrum. »Also den mittelalterlichen religiösen Antijudaismus, die Juden sind das Volk des Gottesmörders, das ist eigentlich nicht mehr ernst zu nehmen.

Vernichtungs-Antisemitismus ist radikal sanktioniert

Auch der Antisemitismus der Nationalsozialisten sei heute kaum noch präsent. »Rasse-Antisemitismus, also eine Form von Vernichtungsantisemitismus à la Adolf Hitler ist im Großen und Ganzen auch out. Das mögen vielleicht noch Neonazis im stillen Kämmerlein pflegen, aber man weiß, dass das öffentlich radikal sanktioniert ist«, erklärte Glöckner.

In jüdischen Gemeinden steigt die Furcht

Dies alles ist aber kein Grund zur Entwarnung. Nach der jüngsten Befragung der Europäischen Grundrechte Agentur 2012/2013 steigt in jüdischen Gemeinden Europas die Furcht vor Antisemitismus. Auch deutsche Juden sehen sich verstärkten Anfeindungen ausgesetzt. Knapp 20 Prozent gaben an, sie unterlassen es ständig oder zeitweise, einen jüdischen Veranstaltungsort aufzusuchen. Und 19 Prozent der in Deutschland befragten Juden sagten, dass sie es bewusst vermeiden, äußerlich als Jüdin oder Jude erkannt zu werden.

Judenhasser nutzen Nazivergleiche

»Was stärker geworden ist in den letzten Jahren, ist der sekundäre Antisemitismus. Man tendiert dazu, Nazivergleiche anzustellen: ›Die Israelis führen einen Vernichtungsfeldzug gegen die Palästinenser‹, ist so ein klassisches Stereotyp«, erklärt Glöckner. Immer wieder werde Juden vorgeworfen, sie seien gar nicht in Deutschland zu Hause. Sie gehörten nach Israel und seien für die dortige Politik verantwortlich.

Politische Lager verschwimmen

Die Zunahme antisemitischer Einstellungen spiegele sich auch im Internet wider. Dort finde sich eine neuartige Durchmischung der einst getrennten Lager von Rechts, Mitte, Links bis religiös motiviert, sagte die Berliner Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel. Vor etwa 15 Jahren habe man an Texten erkennen können, ob jemand aus der antiimperialistischen linken Ecke oder aus der Neonazi-Ecke kam. Das verschwimme heute. Als Beispiel nannte sie die Formulierung eines Rechtsradikalen, der mit Heil Hitler beginnt: »Juden sind das Übel der Menschheit und bedrohen den Weltfrieden.« Ein linker Lokalpolitiker wiederum schreibe: »Israel ist ein Unrechtsstaat und bedroht den Weltfrieden.«

Facebook lässt Hassmeldungen stehen

Zur Verunsicherung jüdischer Gemeinden trüge bei, dass Hass-Botschaften nicht gelöscht werden. Schwarz-Friesel nannte das Beispiel von zwei Bildern mit Gewaltaufrufen, einer gegen Israel, einer gegen Palästinenser gerichtet. »Facebook hat sofort den anti-palästinensischen aus dem Netz genommen und den antiisraelischen fanden sie völlig in Ordnung«, sagte die Sprachwissenschaftlerin.

Antisemitismus unter Muslimen verbreitet

Besonders besorgniserregend sei die Zunahme judenfeindlicher Einstellungen in muslimischen Gemeinschaften, erklärte Antisemitismusforscher Günther Jikeli. Fände man in der Gesamtbevölkerung Europas antisemitische Einstellungen bei gut 15 bis 20 Prozent, so sei dieser Anteil unter westeuropäischen Muslimen mit 55 Prozent weit größer. Es bestehe die Gefahr, dass sich Hass auf Juden vor allem bei konservativ-fundamentalistisch ausgerichteten Muslimen zur Norm verfestige.

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